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Die Geburt einer Internet-Legende

Geschrieben von: tetrapanax | 24.10.2008 |

Ups… Daher also die vielen Zugriffe auf mein Blog…

Mit der Bloggerei verhält es sich offensichtlich wie mit der Wissenschaft:

  • Herr A. liest etwas und zitiert es aus irgendwelchen Gründen falsch.
  • Frau B. beruft sich in ihrer Veröffentlichung auf A., baut
    womöglich ihre Argumentation auf A.’s Zitat  auf, ohne das Original
    gelesen zu haben.
  • Frau B. gilt als Koryphäe auf ihrem Gebiet - deswegen
    avanciert  ihre Veröffentlichung zum Standartwerk, das von vielen
    StudentInnen gelesen, aber nicht hinterfragt wird.
  • Irgendwann, nach vielen, vielen Jahren schlägt ein besonders
    begabter Mensch den Originaltext nach und bemerkt, daß dort gar nicht
    steht, was in den vielen Publikationen behauptet wird… *

Das Lustige ist nun, daß ein Blogbeitrag von mir der Quell einer Internet-Legende sein soll: Dem falschen Tucholsky-Gedicht.

Im Zusammenhang mit der Finanzkrise zitierte ich im Erdrandbewohner zwei Gedichte: Das erste fand ich in Fefe’s Blog. Dies Gedicht hatte keinen Titel und konnte auch keinem Autor zugewiesen werden. Das zweite Gedicht, “Die freie Wirtschaft” von Kurt Tucholsky, entnahm ich dem Blog des Ungenannten. Beide Gedichte veröffentlichte ich, wohlgemerkt. in einem Blogbeitrag.

Irgend jemand las wohl meinen Beitrag, ordnete dem ersten, unbetitelten Gedicht die Autorenschaft Tucholsys zu, und so nahm das falsche Tucholsky-Gedicht seinen Weg durch das deutssprachige Internet…

Einige Stationen sind:

Der “Weltexpress”
Kommentar in der “Zeit-Online”
Kommentar in dem Blog von Stefan Niggmeier (Dort wird auch der Weg dieser “Internet-Legende” bis zur Quelle - also bis zum Erdrandbwohner -  nachvollzogen)
Auch im CommonsBlog wird darüber berichtet
Der Stralau-Blog schreibt darüber
Der Sudelblog stellt es auch noch mal klar.

Und so weiter… Einfach mal googeln…

Aber von wem ist nun das unbekannte Gedicht, wenn nicht von Tucholsky? Christian Schlüter von der Frankfurter Rundschau Online hakt nach und gibt Auskunft…

Wirklich witzig! Ich wollte schon immer mal die Quelle einer Legende sein :)

*) Dies Beispiel ist nicht an den Haaren herbeigezogen sondern kommt tatsächlich häufiger so vor!

Einsortiert unter: Das Leben und der ganze Rest
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Antworten -

Tja und das Gute am Internet ist, dass man auch sehr schön nachvollziehen kann, wer wo nicht richtig gelesen hat. Im „wahren Leben“ (Bücher) lässt sich meist nur das „Wo“ identifizieren. ;-)

Glückwunsch :-) Ist ja schon bedeutender als der Hinweis/Link auf der Homepage des Volksfreundes ;-)

[...] Wenn die Börsenkurse fallen dann entsteht auch einmal etwas, was man Volkspoesie nennt, ein hübsches anonymes Gedicht. Das wird mehrmals zitiert und schon hat Tucholsky ein neues Gedicht geschrieben. So entsteht ein Internetgerücht. [...]

[...] aussieht, ist der Hype um das angebliche Tucholsky-Gedicht aufgrund eines missverständlichen Blogger-Eintrages entstanden. Interessant ist dabei, dass sogar professionelle Redaktionen darauf herein fallen, wie [...]

[...] nicht machen. Und der Person, die die »Höhere Finanzmathematik« wohl erstmals mit Tucholsky in Verbindung brachte, ist wohl eher Schusseligkeit vorzuwerfen. Bei der weiteren Verbreitung des Fehlers gelten [...]

Hat zwar direkt nichts mit dem Thema zu tun, aber ich empfehle dazu “Risk, the science and politics of fear” http://www.amazon.de/Risk-Science-Politics-Fear/dp/1905264151/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1225793300&sr=8-1. Bin zwar noch nicht durch damit, aber schon am Anfang hat es ein ähnliches Beispiel, wie plötzlich willkürlich Zitierende zu widerum zitierten Experten werden.

[...] geschrieben, daß das erste Gedicht von Tucholsky stammt. Hab die “Verwirrung” auch hier und hier nochmal [...]

[...] alles so schön obskur war, kommt jetzt noch ein allerletzter Beitrag zum falschen Tucholsky. Dann werde ich dazu schweigen. [...]

Wenn ein Präsident in Amiland,
wird als Schwarzer mal bekannt,
dann ertönen gleich die Radikalen,
hetzen auf die Ethnik-Kannibalen.

Doch wenn sich zeigt, dass Reden
Entlarven die verdeckten Fehden,
Wenn eine Umbruchsstimmung dann
Bewegt die Massen, Frau und Mann.

Ja dann kommt einiges ins Rollen,
Die einen jubeln, andre schmollen,
Verkünden wird’s ein Demokrat:
Macht Schluss mit eurem Derivat!

Die Scheinwelt rückt ins Dunkel,
Alte Stimmen und Gemunkel,
Sie verschwinden aus der Welt,
Immer noch ruft Weiß: Mehr Geld!

Da dann die Welt gerettet wird,
Weil der Erlöser nimmer irrt,
Wird dann der neue Patriarch,
Ein Mann des neuen Derivats?

Hier reimen sich die Verse schlecht,
liegt das am männlichen Geschlecht?
Würd’ eine Frau in höchsten Kreisen,
die Schande dieser Welt verweisen?

Wie schön, dass alles besser würde,
Finanzen, Kriege, Menschheitswürde,
Ist es nicht etwa so, dass nach dem Wandel
Zum Erliegen kämen Krieg und Handel?

Brecht?

[...] Weltrandbewohner Blog [...]

Echt lustig. Ich habe das Gedicht heute im Radio gehört. Auch dort wurde es Tucholski zugewiesen.
Der Sender ist das OS-Radio, ein offener Kanal aus Osnabrück.

Das Gedicht des “Ungenannten” ist wirklich gut, keine Frage. Ich bin darauf heute morgen aufmerksam geworden, als ich es auf Arbeit am Kühlschrank neben der geliebten Kaffemaschine gelesen habe.

Meine Vermutung: in 15 Jahren wird das Gedicht des “Ungenannten” immer Kurt Tucholsky zugesprochen.

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